Bild: Peter Eickmeyer

Die Artillerie donnert über ihre Köpfe hinweg, während die Soldaten ihre Gesichter in die feuchte Erde pressen. Splitter zersieben die Luft und streifen hier und da die liegenden Körper. Ein leises Ping ertönt, wenn wieder ein Schrapnell am eigenen Helm abprallt. Stumm bleiben sie hingegen, wenn sie durch den Stahl hindurchgehen und im Kopf verschwinden.

In dieser Hölle mitten an der Westfront des Ersten Weltkriegs liegt der 19-jährige Paul Bäumer, der in den Konflikt gezogen wurde. Oder eher gedrängt. Denn er und seine gesamte Klasse wurden von ihrem Lehrer dazu genötigt, für das Vaterland in den Krieg zu ziehen.

Doch schnell merkt Paul, dass alles, was er je in der Schule gelernt hat, ihn nicht auf die Grauen auf dem Schlachtfeld vorbereiten konnte. Kein Schopenhauer hilft gegen Splitter, kein Goethe gegen Gewehrkugeln. Stattdessen lernt er den Hunger, die Angst und den Tod kennen und muss mit ansehen, wie seine gesamte Generation in einem sinnlosen Konflikt verheizt wird und dass auch diejenigen, die den Krieg überleben, dennoch von ihm zerstört werden.

Im Westen nichts Neues: Eine deutsche Erfolgsgeschichte?

Im Westen nichts Neues: Zeichnung Erich Maria Remarque
Erich Maria Remarque gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Autoren. Bild: Peter Eickmeyer

Die Geschichte habe ich mir natürlich nicht ausgedacht, sondern ist eines der erfolgreichsten Bücher aus Deutschland: Im Westen nichts Neues. Der Autor Erich Maria Remarque verarbeitet darin seine eigenen Erfahrungen im Ersten Weltkrieg und vor allem die seiner Kameraden. Denn er selber hatte das Glück, nur einen Monat an der Front verbringen zu müssen. Remarque sprach stattdessen mit vielen anderen Soldaten in den Lazaretten und in den endlosen Schützengraben und webte deren Erlebnisse zu einer Geschichte.

Übersetzung in über 50 Sprachen

Und das mit Erfolg: Am 29. Januar 1929 erschien Im Westen nichts Neues im Propyläen Verlag und erreichte bereits nach elf Wochen laut dem Verlag eine Auflage von 450.000 Exemplaren. Noch im selben Jahr wurde er in 26 Sprachen übersetzt und bis heute gibt es Ausgaben in über 50 Sprachen. Laut Wikipedia lagen 2007 die weltweiten Verkaufszahlen geschätzt bei über 20 Millionen Exemplaren. Außerdem habe kein im Original deutschsprachiger Erzähltext jemals eine höhere Verkaufszahl erzielt.

Im Westen nichts Neues traf damals einen Nerv und zeigte ein ungeschöntes Bild vom Krieg – zum Leidwesen der Nationalsozialisten und Offiziersverbänden, die in dem Roman eine Verunglimpfung der deutschen Soldaten und ihrer „Heldentaten“ sahen. Gerade die Nazis gingen mit ihrer typischen Härte gegen das Buch und Erich Maria Remarque vor und verhinderten 1930 die Uraufführung der Verfilmung des Stoffs, indem ihre Schlägertrupps den Kinosaal besetzten. Als die NSDAP 1933 die Macht übernahmen, wurde das Buch sofort verboten und teilweise öffentlich verbrannt. Erich Maria Remarque verließ daraufhin das Land.

Im Westen nichts Neues: Der Comic zum Roman

Im Westen nichts Neues Cover Splitter Verlag
Die Graphic Novel „Im Westen nichts Neues“ erschien 2014 im Splitter Verlag – genau 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Bild: Peter Eickmeyer / Splitter Verlag

100 Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkriegs nehmen sich das Ehepaar Peter Eickmeyer und Gaby von Borstel den Stoff erneut an und verpacken sie in ein Comic-Format. Allerdings ein untypisches. Denn während in der Regel die Panel die Geschichte erzählen, fungieren Peter Eickmeyers Illustrationen hier mehr als Untermalung des Textes, der im Original belassen wurde. Lediglich musste Gaby von Borstel ihn auf ein Drittel kürzen, sodass die Graphic Novel sich auf die prägnantesten Stellen aus dem Roman konzentriert.

Das schadet dem Werk überhaupt nicht. Ich hatte den Roman bereits gelesen und vermisse nichts. Protagonist Paul Bäumer erzählt immer noch, wie er auf einem Friedhof liegend das Ende eines Trommelfeuers herbeisehnt, während überall die Leichen aus ihren Gräben gesprengt werden. Er erzählt von den Giftgasangriffen, dem ewigen Hunger und wie man mit einem Klappspaten am effizientesten Franzosen tötet. Er muss seinem Schulfreund zusehen, wie er sich im Lazarett langsam in den Tod weint und er berichtet von seinem Urlaub in der Heimat, die ihm fremd geworden ist.

Starke Bilder, die für sich selber stehen

Im Westen nichts Neues Guernica
Peter Eickmeyer zitiert einige große Künstler in „Im Westen nichts Neues“. Das Pferd in dem Bild stammt ursprünglich aus Pablo Picassos „Guernica“. Bild: Peter Eickmeyer

Im Comic Im Westen nichts Neues gehen also wenig Informationen verloren, da die wichtigsten Textstellen einfach nur übernommen werden. Im Gegensatz zu anderen Comics wie „Der ewige Krieg“, der auf dem gleichnamigen und sehr empfehlenswerten Science Fiction Roman von Joe Haldeman basiert. Dort muss die Handlung gestaucht werden, um auf die begrenzten Seiten zu passen. Dafür erzählen dort die Panels aber auch die Geschichte.

Die Graphic Novel Im Westen nichts Neues hingegen könnte auch ohne Bilder funktionieren, so wie gleichzeitig auch die Bilder für sich alleine stehen könnten. Denn die Malereien von Peter Eickmeyer tragen eine düstere und stellenweise surreale Atmosphäre in sich, die vor allem in den Schlachtszenen ihre volle Wirkung entfalten. Soldaten, die durch ihre Gasmasken entmenschlicht werden, schlammige Schützengräben, Kompanien, die im schwachen Mondlicht in Richtung Front marschieren. Hierbei zitiert der Künstler auch immer wieder berühmte Anti-Kriegs-Bilder wie Pablo Picassos „Guernica“.

Comic oder doch lieber den Roman lesen?

Im Westen nichts Neues Comic
Trotz des verkürzten Original-Texts gehen der Geschichte keine wichtigen Stellen verloren. Hier beschreibt Protagonist Paul Bäumer beispielsweise, wie man mit einem Klappspaten einen Gegner spaltet. Bild: Peter Eickmeyer

In dem Roman Im Westen nichts Neues steckt sehr viel. Die Akteure bilden eine verlorene Generation, die sinnlos geopfert werden. Es geht um „entmenschlichte“ Kriegsführung, um Kameradschaft, um Ausweglosigkeit und um die Hoffnung nach Rettung. All diese Punkte findet ihr auch im Comic wieder. Es gibt daher kaum einen Grund das Buch dem Comic vorzuziehen. Auch wenn der Text kürzer ist, gibt er immer noch perfekt die Essenz der Vorlage wieder. Außerdem plädiere ich ja auch gerne dafür, dass kurze Geschichten gut erzählt oft stärker sind als sehr lange.

Weiterhin kriegen Leser des Comics natürlich noch die schönen Malereien, die den Roman gekonnt ergänzen und eine bedrückende Atmosphäre schaffen. Natürlich ist hier der Stil Geschmackssache, aber ich persönlich finde, dass er perfekt zum Stoff passt.

Im Westen nichts Neues: Fazit

Wer diesen Klassiker noch nicht kennt, sollte ihn sich unbedingt ansehen. Und wer nicht gerne lange Romane liest oder wenig Zeit hat, der schaut sich den Comic an. Denn im Gegensatz zu anderen Adaptionen macht er alles richtig und ist auch für Nicht-Comic-Fans eine ernstgemeinte Empfehlung.

Wie denkt ihr darüber? Kennt ihr schon Im Westen nichts Neues und interessiert ihr euch mehr für den Roman oder den Comic? Schreibt es mir in die Kommentare.

Teile diesen Beitrag! Kostet dich nichts und hilft mir sehr.

Schreibe einen Kommentar